Ein Franchisehandbuch beschreibt schriftlich, wie ein Partnerbetrieb Ihres Systems geführt wird: vom Öffnen am Morgen über Einkauf, Personal und Reklamationen bis zu den Kennzahlen, die der Partner jede Woche meldet. Es ist Anlage zum Franchisevertrag, Grundlage der Schulung und der Nachweis, dass Ihr System übertragbares Know-how hat. Es entsteht aus Interviews mit Inhaber und Mitarbeitern, aus Beobachtung im Pilotbetrieb und aus einem Test mit einem Mitarbeiter, der nur nach Handbuch arbeitet.

Warum das Handbuch rechtlich zählt

Die Vertikal-Gruppenfreistellungsverordnung (EU) 2022/720 definiert Know-how als Gesamtheit nicht patentierter praktischer Kenntnisse, die der Anbieter durch Erfahrung und Erprobung gewonnen hat und die geheim, wesentlich und identifiziert sind. „Identifiziert“ heißt dort: so umfassend beschrieben, dass sich prüfen lässt, ob es geheim und wesentlich ist. Diese Beschreibung leistet in der Praxis das Handbuch.

Daran hängen zwei Punkte im Vertrag. Ein nachvertragliches Wettbewerbsverbot ist nach Art. 5 Abs. 3 der Verordnung nur freigestellt, wenn es unerlässlich ist, um übertragenes Know-how zu schützen, sich auf die Räume des Partners beschränkt und höchstens ein Jahr dauert. Und die Pflicht, Know-how nach Vertragsende weder zu nutzen noch weiterzugeben, darf zeitlich unbegrenzt sein, solange das Know-how nicht allgemein bekannt geworden ist. Ein dünnes Handbuch voller Allgemeinplätze macht beide Klauseln schwer zu begründen.

Gliederung, die sich bewährt

Die Kapitel hängen von der Branche ab. Für ein Café, eine Kursschule oder einen Dienstleister sieht unser Grundgerüst so aus:

Kapitel Inhalt Typische Anlagen
1. System und Marke Geschichte, Positionierung, Zielgruppe, Leistungen der Zentrale, Kontakte Organigramm der Zentrale
2. Standort und Eröffnung Standortkriterien, Ladenbau oder Ausstattung, Genehmigungen, Eröffnungsplan in Wochen Checkliste Eröffnung, Grundriss-Beispiele
3. Tagesbetrieb Öffnen, Schließen, Kasse, Hygiene, Reinigung, Wartung Tages- und Wochenchecklisten
4. Produkt oder Leistung Rezepturen, Kursprogramme, Servicestandards, Qualitätskontrolle Rezeptkarten, Kurspläne
5. Einkauf und Lieferanten Zugelassene Lieferanten, Bestellrhythmus, Lagerhaltung Lieferantenliste, Bestellvorlagen
6. Personal Stellenprofile, Einarbeitung, Schichtplanung, Schulungsnachweise Einarbeitungsplan, Schulungsprotokoll
7. Kunde und Reklamation Ablauf bei Beschwerden, Erstattungen, Bewertungen Antwortvorlagen
8. Marketing vor Ort Werbemittel, Social Media, lokale Aktionen, Werbebeitrag Vorlagen, Markenhandbuch
9. Kennzahlen und Berichte Wochenbericht, Monatsabschluss, Zielwerte, Audits Berichtsvorlage, Auditbogen
10. IT und Daten Kassensystem, Buchungssystem, Datenschutz, Zugänge Zugangsliste, Datenschutzhinweise

Die Inhalte, auf die der Franchisevertrag verweist, gehören in eigene, nummerierte Abschnitte. Dann kann der Vertrag auf „Handbuch, Kapitel 5.2“ verweisen, und Ihr Anwalt weiß genau, welche Pflicht gemeint ist.

Wie wir ein Handbuch schreiben

  1. Interviews. Inhaber, Schichtleitung, die erfahrenste Fachkraft. Wir fragen nach dem, was neue Mitarbeiter am häufigsten falsch machen; dort steckt das Know-how.
  2. Beobachtung. Wir begleiten mehrere Schichten im Pilotbetrieb und schreiben Abläufe in der Reihenfolge auf, in der sie passieren.
  3. Rohfassung mit Checklisten. Jede Tätigkeit, die täglich vorkommt, bekommt eine Checkliste. Fließtext erklärt das Warum.
  4. Test. Ein Mitarbeiter, der den Betrieb nicht aufgebaut hat, arbeitet einen Tag nur nach Handbuch. Jede Rückfrage ist eine Lücke.
  5. Gestaltung und Ablage. Layout nach Ihren Markenstandards, digitale Fassung mit Versionsnummer und Änderungsprotokoll. Partner sehen immer die gültige Version.
  6. Abgleich mit Vertrag und Schulung. Kapitelnummern, auf die der Vertrag verweist, bleiben stabil. Die Schulung folgt der Gliederung des Handbuchs.

Bei Cookiddoo, der Kochschule für Kinder in Ottawa, umfasst das Franchise-Angebot ein Start-Playbook, die Schulung des Personals und ein erprobtes Kursprogramm. Genau diese drei Teile sind der Kern eines Handbuchs für eine Kursschule: Eröffnung, Personal, Programm. Mehr in der Fallstudie Cookiddoo.

Wann der Interessent das Handbuch sieht

Das Handbuch enthält das Wissen, das Sie schützen wollen, und gleichzeitig muss der Interessent beurteilen können, was er kauft. Die Richtlinie des Deutschen Franchiseverbands zur vorvertraglichen Aufklärung löst das so: Vor der Unterzeichnung bindender Abmachungen soll der Franchisegeber Einblick in das Handbuch gewähren und es dem Interessenten zur Prüfung in seinen Räumen zur Verfügung stellen. Vertrag und übrige Unterlagen soll der Interessent mindestens 10 Tage vor der Unterzeichnung prüfen oder prüfen lassen können; das Handbuch ist von dieser Übergabe ausgenommen.

In der Praxis bewährt sich: Inhaltsverzeichnis und Musterseiten in die Aufklärungsunterlagen, das vollständige Handbuch zur Einsicht vor Ort oder in einem Leseraum ohne Download, dazu eine Vertraulichkeitsvereinbarung.

Häufige Fehler

  • Handbuch als Hochglanzbroschüre. Leitbild und Fotos ohne Checklisten helfen keinem Partner im Tagesgeschäft.
  • Wissen, das jeder kennt. „Seien Sie freundlich zum Kunden“ weiß jeder. Know-how sind konkrete Gesprächsleitfäden, Rezepturen mit Toleranzen und Kennzahlen.
  • Keine Versionen. Partner arbeiten mit einer alten Fassung und verstoßen gegen Standards, die sie nie erhalten haben.
  • Widerspruch zum Vertrag. Das Handbuch schreibt einen bestimmten Lieferanten vor, der Vertrag erlaubt freie Wahl. Solche Widersprüche fallen spätestens im Streitfall auf.
  • Maschinelle Übersetzung. Für Partner in anderen Ländern muss das Handbuch in der Landessprache vorliegen und von Muttersprachlern aus der Branche gelesen werden.

Wie das Handbuch ins System passt

Das Handbuch ist ein Baustein unter mehreren. Es baut auf dem Konzept und dem Finanzmodell auf und wird Anlage zum Vertrag; die Gebühren, die Partner zahlen, bezahlen unter anderem seine Pflege und die Schulung. Den Gesamtüberblick gibt die Seite Franchisesystem aufbauen, die Gebührenlogik der Artikel Franchise-Gebühren. Für den internen Bereich, in dem Partner die aktuelle Fassung lesen, bauen wir bei Bedarf einen geschützten Teil auf der Unternehmenswebsite.

Nächster Schritt

  • Bezahlte Beratung, 30 Minuten, 100 €. Wir besprechen, welches Wissen in Ihrem Betrieb steckt und wie das Handbuch gegliedert werden sollte.
  • Schriftliche Analyse ab 200 €. Sie schicken uns Ihre bestehenden Checklisten oder ein vorhandenes Handbuch, wir antworten mit einer Liste von Lücken und Widersprüchen.

Den Preis für das vollständige Handbuch nennen wir danach in einem Angebot mit festem Betrag. Überblick über alle Bausteine: Franchisesystem aufbauen.

Quellen

  • Verordnung (EU) 2022/720, Art. 1 Abs. 1 Buchst. j (Know-how) und Art. 5 Abs. 3 (EUR-Lex)
  • Richtlinie des Deutschen Franchise-Verbandes e.V. „Vorvertragliche Aufklärungspflichten“ (PDF)
  • European Franchise Federation – European Code of Ethics for Franchising